„Lasst uns für euren Vater beten. Er hält gleich eine Rede, die einigen Leuten gar nicht gefallen wird“, sagte Catherine Ruth Feser 1974 ihren Kindern in ihrem Zuhause in Buenos Aires, als ihr Mann René Padilla seinen Vortrag beim – von Billy Graham ins Leben gerufenen – ersten „Lausanner Kongress für Weltevangelisation“ (Foto oben) hielt. Warum galten seine Gedanken damals als so kontrovers?

Als Reisesekretär in Lateinamerika für die Studentenarbeit der IFES erlebte Padilla in den 60er-Jahren, wie stark Armut, Ungerechtigkeit und Unterdrückung die Gedanken der Studentinnen und Studenten prägten. Während viele von ihnen im Marxismus und in der liberalen Befreiungstheologie nach Gerechtigkeit und Sinn suchten, klapperte Padilla christliche Buchläden und Bibliotheken in Lateinamerika ab, um biblische Antworten zu finden, die zur Situation in Lateinamerika passten. Aber er fand nicht wirklich etwas und entwickelte selbst das Modell der integral mission. Dafür verwendete er gern das Bild eines Flugzeugs: Der Auftrag der Kirche beinhalte Evangelisation und soziale Verantwortung gleichzeitig, so wie eben ein Flugzeug mit nur einem Flügel nicht fliegen könne. Das spanische Wort integral heißt „vollständig“ oder „ganzheitlich“.

Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs hatten viele Christen (gerade in Nordamerika) Angst, dass das viele Reden über soziale Verantwortung von Christen letztlich ein Einfallstor für Marxismus sein könne. Padilla, der bereits einige Zeit als Übersetzer für Billy Graham gearbeitet hatte, wollte aber weder den Marxismus verbreiten noch war er ein Anhänger der Befreiungstheologie. Aber er warf in seiner Rede den Kirchen in den USA vor, in der Mission zu viel den American Way of Life exportiert und nicht das volle Evangelium als Grundlage zu haben: „Eine Kirche, die nicht dem Evangelium treu ist (dem Evangelium in all seinen Dimensionen) verkommt zu einem Werkzeug, um den Status Quo aufrechtzuerhalten. Aber beim Evangelium geht es nicht darum, neue religiöse Gruppen zu gründen, sondern darum, dass die Gesamtheit des Lebens unter die universelle Herrschaft Jesu kommt. Deshalb ist ein Evangelium, das unser Leben in dieser Welt mit den Beziehungen zueinander unverändert lässt, nicht das biblische Evangelium.“

Der Missionsbefehl wird oft als reine Aufforderung zur Evangelisation missverstanden – aber das greift zu kurz. In dem Befehl „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern…“ (Mt 28,19) steckt die biblische Vorstellung von Jüngerschaft, ein Leben als nie aufhörender Lernprozess, der dieses radikale Ziel verfolgt, dass alles unter die Herrschaft Jesu kommen soll. Deshalb brauchen wir integral mission heute mehr denn je.

Das gilt für den Westen, wo das Christentum immer mehr an Einfluss verliert und wo viele Menschen eine christliche Botschaft, die nur die Versöhnung mit Gott enthält, für ebenso irrelevant halten wie eine auf Sozialethik reduzierte Botschaft, für die niemand die Kirchen braucht. An den vielen Orten auf der Welt, die von großer Armut, Ausbeutung und Unterdrückung geprägt sind, kann es nur ganzheitlicher Mission, nur integral mission, gelingen, Menschen zu zeigen, dass das Evangelium von Jesus Christus Freiheit für alle Lebensbereiche bringt.

Die Evangelisation immer an die erste Stelle zustellen und soziale Verantwortung immer an die zweite, mag für einige biblisch klingen, die Konsequenzen davon können jedoch fatal sein, wenn Menschen den Eindruck gewinnen, die Hilfe (sozial, medizinisch etc.) die Christen ihnen anbieten, sei nur Mittel zum Zweck und ohne Aussicht auf Bekehrung ist es auch mit der Barmherzigkeit von Seiten der Christen vorbei.

Deshalb haben Wiedenester Missionare sich beispielsweise in Nepal sowohl dafür eingesetzt, dass Leprakranke das Evangelium hören, als auch mit Erfolg dafür gekämpft, dass der Staat Gesetze abschafft, die aus Leprakranken Menschen zweiter Klasse machten.

Nach Padillas Vortrag[1] wurde noch leidenschaftlich diskutiert, in welcher Form seine Gedanken in die Abschlusserklärung einfließen sollten, aber die Überzeugung, dass Evangelisation und soziale Verantwortung sich nicht trennen lassen, setzte sich schnell in der Lausanner Bewegung durch:


In dem Befehl „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern…“ (Mt 28,19) steckt die biblische Vorstellung von Jüngerschaft, ein Leben als nie aufhörender Lernprozess, der dieses radikale Ziel verfolgt, dass alles unter die Herrschaft Jesu kommen soll. Deshalb brauchen wir integral mission heute mehr denn je. Das gilt für den Westen, wo das Christentum immer mehr an Einfluss verliert und wo viele Menschen eine christliche Botschaft, die nur die Versöhnung mit Gott enthält, für ebenso irrelevant halten wie eine auf Sozialethik reduzierte Botschaft, für die niemand die Kirchen braucht.


Fußnote:

[1] Der volle Wortlaut Padillas Rede (auf Englisch) kann hier nachgelesen werden: wiedenest.de/padilla


Serie: Postevangelikalismus

Serie: Israel und der 7. Oktober

Serie: „Der Schwarze Schwan“

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